Erdställe – rätselhafte unterirdische Anlagen
Künstliche Höhlen
Erdställe sind künstlich angelegte unterirdische Gangsysteme. Labyrinthisch durchziehen sie Kirchberge, Friedhöfe und den Untergrund alter Siedlungsplätze. Die Bezeichnung Erdstall steht für eine "Stelle" in der Erde, ähnlich wie das Wort Burgstall, das auf den ehemaligen Standort einer Befestigungsanlage hinweist.Zur Bauweise der Erdställe
Obwohl kein Erdstall völlig dem anderen gleicht, folgen alle Anlagen einem Grundkonzept, in dem gleichartige Bauelemente variantenreich angeordnet sind. Erdställe bestehen aus niedrigen Gängen und Kammern, die durch äußerst enge runde Schlupflöcher horizontal oder vertikal miteinander verbunden sein können. Hinzu kommen Stufenpassagen, Rundgänge und Wandnischen verschiedenster Form und Größe. Je nach Beschaffenheit des Untergrundes weisen die Gangprofile einen Spitz- oder Rundbogen auf und folgen damit alten Bergbauregeln. Charakteristisch ist der labyrinthartige scheinbar irrationale Aufbau der Anlagen. Besonders sorgfältig ausgestaltete Schlusskammern überraschen durch ihre eindrucksvolle Architektur und bieten manchmal ein ausgesprochen sakrales Bild.Zweckbauten oder Kultstätten
Das Geheimnis der Erdställe konnte bisher nicht gelüftet werden. Die extreme räumliche Enge von Gängen und Kammern, der Einbau von Schlupflöchern mit weniger als 40 cm Durchmesser und die irrationale Bauweise schließen eine praktische Nutzung als Vorratsräume, Wasserstollen, Bergwerke oder Wohnhöhlen aus. Hinzukommender Sauerstoffmangel, der labyrinthische Aufbau und periodisch wiederkehrende Überflutung vieler Anlagen lassen sich nur schwer mit einer Interpretation der Erdställe als Zufluchtsstätten vereinbaren. Eine im weitesten Sinne kultische Bedeutung der Erdställe scheint derzeit am wahrscheinlichsten. Untersuchungen zu Namenskunde, Sagen, Siedlungs- und Religionsgeschichte legen Parallelen zu Ahnenkulten und frühchristlichen Jenseitsvorstellungen offen. Im Gegensatz zu unterirdischen Grabanlagen verschiedenster Zeitstellungen enthalten Erdställe weder Totengebeine noch Grabbeigaben.Forschungsperspektive
Besondere Priorität besitzt derzeit die Suche nach Möglichkeiten zur Datierung weiterer Erdstallanlagen. Nur so können Bau- und Nutzungszeit der Erdställe auf eine allgemeine und überregionale Basis gestellt werden. Es bleibt die Hoffnung, dass eine verlässliche Datierung des Erdstallphänomens eines Tages hilft, auch das Rätsel ihrer Zweckbestimmung zu lösen. Bis dahin ist jeder Hinweis auf einen noch nicht bekannten Erdstall oder die Unterstützung bei der Untersuchung und Dokumentation von Erdställen eine wertvolle Hilfe, dieses Ziel zu erreichen.Informationen im Überblick
Verbreitungsgebiet:u.a. Süddeutschland, Österreich, Polen, Ungarn, Tschechien, Frankreich, Spanien; alleine in Bayern sind über 700 Erdstallanlagen bekannt.
Lage:
Bäuerliche Siedlungen, unter Kirchen, Friedhöfen und Hausbergen.
Fundumstände:
Erdställe werden meist bei Bauarbeiten an alten Wohnhäusern, Stallungen, beim Straßen- und Kanalbau und durch Einbruch von Fahrzeugen und Vieh entdeckt.
Zeitstellung:
Vermutlich Mittelalterlich (ca. 10.-12. Jahrhundert).
Namen in Sage und Volksmund:
Schrazelloch, Zwergenloch, Erdweiblschlupf, Alraunhöhle, Hollerloch, Geisterhöhle, Frauenloch, Jungfrauenhöhle, etc...
Der Arbeitskreis für Erdstallforschung
Der Arbeitskreis für Erdstallforschung widmet sich der Sicherung, Dokumentation und Erforschung von Erdstallanlagen. Er steht im ständigen Austausch mit diversen Schwestergesellschaften im europäischen Ausland. Berichte zur Forschungstätigkeit des Arbeitskreises werden jährlich in der Zeitschrift "DER ERDSTALL" veröffentlicht. Die Hefte können über den Arbeitskreis bezogen werden.
Zeichnung: Zückert

Foto: P.Forster

Foto: P.Forster