NAVIGATION

Bericht von den Erdstalltagungen
2000 | 2001 | 2002 | 2003 | 2004 | 2005 | 2006 | 2007 | 2008 | 2009



Bericht von der Erdstalltagung 2008        

vom 3. bis 5. Oktober in Strahlfeld


Von Regine Glatthaar

Gott sei Dank hat das Wetter am Freitag einigermaßen mitgespielt als die fast 60 Erdstallforscher aus dem bayerisch-österreichischen Raum zu ihrer Jahrestagung in Strahlfeld bei den Missionsdominikanerinnen eintrafen.

Die Schwestern werden inzwischen in die herzlichen Begrüßungsszenen miteinbezogen, denn viele Tagungsteilnehmer sind alte Bekannte. Vorausgegangen war eine Besichtigung des Museumsraumes in Walderbach, wo besonders das maßstabgerechte Erdstallmodell von Eduard Wittenzellner gleich ausprobiert wurde. Die Tagung wurde locker am Abend eröffnet mit Diareihen von Karl Schwarzfischer und Bilder der letzten Jahren, was oft zu großer Heiterkeit führte, denn bei Erdstallbefahrungen entstehen die seltsamsten Szenen und Situationen.

Am Samstagvormittag ging es dann richtig zur Sache. Peter Forster berichtete über Recherchentouren der Münchner Gruppe im südbayerischen Raum. Dabei wird Hinweisen aus der Bevölkerung ebenso nachgegangen wie alten Berichten in der Literatur oder ins Auge fallenden, landschaftlichen Besonderheiten. Kleine, romanische Kapellen, um die sich Sagen von unterirdischen Gängen ranken, werden ebenso aufgesucht wie nachgearbeitete, natürliche Höhlen, die ein Eremit bewohnt haben soll. Auch riesige, vergessene Kelleranlagen kommen zum Vorschein, alles belegt von excellenten Bildern.

Der nächste Referent war Dr. Martin Hartl von der Realschule Roding. Dr. Hartl hat lange im Iran gelebt und berichtete sehr spannend über Land und Leute und die faszinierenden Landschaften, aber hauptsächlich über Kanate. Darunter hat man ein Jahrtausende altes Bewässserungssystem zu verstehen, wobei Stollen horizontal in den Berg getrieben werden bis eine Wasser führende Schicht erfasst ist. Das Wasser wird dann mit minimalstem Gefälle abgeleitet. Diese Kanate haben über Jahrhunderte funktioniert, sie sind sehr umweltschonend, weil nur das Wasser verbraucht wird, das von der Oberfläche nachsickert und sie kommen ohne jegliche technische Hilfsmittel aus. In der neueren Zeit bohrt man Brunnenschächte bis in große Tiefen, pumpt das Grundwasser heraus und treibt so Raubbau an unserem wichtigsten, unersetzlichen Lebenselement. Dr. Hartl zeigte mit eindrucksvollen Bildern wie die Kanate gebaut und mit einfachsten Mitteln gepflegt und erhalten werden, wobei sich wertvolle Vergleiche zur Bauweise der Erdställe anboten.

Samstagnachmittag fuhr die Gruppe mit dem Bus nach Viechtach. Am Marktplatz konnten mit Hilfe eines Stadtbediensteten zwei Kanaldeckel geöffnet werden, die zu unterirdischen Anlagen führen. Da die Verschlüsse lange Zeit nicht bewegt wurden war das sehr schwierig und es stellte sich gleich heraus, dass durch die Abdichtung die Luftverhältnisse für eine Befahrung zu schlecht waren. Aber die Viechtacher mobilisierten gleich ihre Feuerwehr, die dann mit Hilfe von Belüftungs- und Absauggeräten für eine bessere Atmosphäre sorgte und eine Erkundung der großen Anlage ermöglichte. Vielen Dank an die Feuerwehr! Maria Beenen führte unterdessen kleinere Gruppen in zwei riesige, gehauene Kelleranlagen, einmal im Haus Bauernfeind und dann unter dem Gasthof "Zum Hirschen", herzlichen Dank für das freundliche Entgegenkommen der Besitzer!

Helmut Grotz, der ehemalige 2. Bürgermeister der Stadt, hatte viele interessierte Zuhörer bei seiner Führung durch Seelenkapelle mit einstigem Karner, deren Bauweise und Geschichte faszinierte.

Am Abend zeigte Dr. Thomas Striebel ein Video über einen sehr rätselhaften, langen Gang in Bayreuth, der beim Bau des neuen Landratsamtes entdeckt und, kaum untersucht, verschlossen wurde. Der Zweck des Ganges sowie die Zeit der Erbauung sind absolut unklar.

Mit Spannung erwartet wurde am Sonntag der Vortrag von Dr. Kusch aus Graz. Noch vor einigen Jahren waren in der Oststeiermark so gut wie keine unterirdischen Anlagen bekannt, aber seit das Ehepaar Kusch mit Freunden sich dieser Forschung widmet, häufen sich die Hinweise. Doch die Schwierigkeiten, die mit der Erkundung der unterirdischen Objekte verbunden sind, sind immens, denn alle Gänge, die durch Einbruch, Umbauten oder sonst wie zu Tage kamen sind sämtlich wieder verfüllt und zugeschüttet. Es braucht viel Überzeugungsarbeit um die Besitzer dazu zu bringen, meist mit Hilfe von Baggern, die verschlossenen Zugänge wieder zu öffnen. Das alles ist sehr zeitaufwändig und kostenintensiv, denn wenn der Bagger den Gang geöffnet hat, müssen händisch und mit viel Muskelkraft Tonnen von Material herausgeschafft werden. Aber die Steiermärker lassen sich nicht entmutigen und hoffen, dass ihnen der Nachweis für die großen, unterirdischen Gangsysteme doch noch gelingen wird.

Für Niederösterreich ist seit vielen Jahren Edith Bednarik zuständig, die sich praktisch jede Woche auf Erdstalltour begibt und im Weinviertel, im Waldviertel und auch südlich der Donau Hunderte von Erdstallanlagen akribisch genau vermessen und dokumentiert hat. Die jüngsten Forschungsergebnisse werden dann jeweils bei den Tagungen präsentiert.

Nach dem sonntäglichen Mittagessen mussten sich alle Schrazeln noch einmal im Theresiensaal versammeln, um Termin und Tagungsort für 2009 auszuhandeln. Da man sowohl in der Steiermark wie in Niederösterreich mindestens zwei Jahre braucht um eine ordentliche Tagung zu organisieren, fiel die Entscheidung leicht. Alle Tagungsteilnehmer riefen mit großer Begeisterung: "Wir kommen wieder nach Strahlfeld, 2009 im September!"