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Als wir nach schöner Fahrt unter dem wolkenlosen Himmel Tschechiens in Großkrut eintreffen, wimmelt es schon von Teilnehmern vor dem Gasthof Schweng. Auch Edith Bednarik ist da, strahlend vor Freude, dass ihrem Ruf zur größten zusammenhängenden Erdstallanlage europaweit so zahlreich Folge geleistet wurde. Hatten nun Guy De Block und Monique Lambert aus Brüssel oder die Gruppe um den Höhlenforscher Roland Winkelhöfer aus Dresden die weiteste Anfahrt? Viele gesellten sich "aus deutschen Landen" zu den Forschern aus Linz, Graz, Wien und bildeten allsogleich das homogene Konglomerat "Erdstallforscher".
Diese wurde nach dem Abendessen von den Honoratioren des Ortes herzlich begrüßt und, kaum mit dem unterirdischen Programm über Folien vertraut gemacht, mit Edith Bednariks Hauptproblemen konfrontiert. Da dieses Jahr die Beschliefung von über 20 Anlagen den Schwerpunkt der Tagung bildete, sollen die Tagungsteilnehmer, aber auch die Leser unseres Heftes, die geistige Arbeit im stillen Kämmerlein leisten, um nächstes Jahr in Strahlfeld ihre Antworten zurDiskussion stellen zu können:
Wie kommt es zu den eigenartigen Alterungsspuren in den Weinviertler Erdställen: schräge Ausbrüche mit abgerundeten Kanten?
Gibt es eine Möglichkeit, die im Löss entstehenden Spalten dauerhaft zu verfüllen und womit, um den Bestand eines Erstalls zu garantieren?
Das Phänomen der Lichtnischen und ihres logischen Erklärungen bisher widerstrebenden Anordnung in Gängen und Kammern.
Welchen Zweck haben die eigenartigen Fensterln (viereckige statt runde Durschlupfe in halber Wandhöhe), die z.B. im Götzelhof und anderen Erställen, aber auch in Frankreich manchmal von einem Gangstück zum anderen führen?
Das erstmals 1973 angesprochene Rätsel der 400 km breiten erstallfreien Zone, die Europa zwischen Bayern-Österreich und Frankreich durchzieht, das Gebiet, das 843 zu Lotharingien geworden ist.
Und immer lauter die Kardinalfrage: Welche Konstruktion nennen wir "Erdstall", solange wir nur wenige vollständig mit ihrem Originaleingang kennen?
Harte Nüsse zu knacken!
Nun aber schnell ins Bett, denn Edith "muass"- lächelnd aber leider- um strengste Disziplin bitten:
6 Uhr aufstehen, 7 Uhr Frühstücken, 7.30 Uhr Abfahrt. Sechs Gruppen werden gebildet. In rollierender Folge werden sie am Samstag die Erdställe in Neusiedl von Nr. 1 bis Nr. 6 durchschliefen, um dann pünktlich bittschön, 13.15 Uhr in Großkrut zum Essen einzutreffen. "Glaubts ihr, dass das möglich ist?" "Nein!" tönen viele Stimmen aus der Tiefe des Saales. Und es wurde doch möglich! Wo unsere Edith ihr Bestes gegeben hatte, konnten wir unsdoch nicht lumpen lassen!
Noch ehe es vom St. Stephans-Kirchturm halb schlug, starteten die ersten Autos zum Kapellenberg in Althöflein. 270 Meter Gänge durchziehen auf halber Höhe kreuz und quer den Löss des kegelförmigen, seit dem 17. Jh. von einer Kapelle, vorher von einem festen Haus gekrönten, aus der Ebene aufsteigenden Hügel. Blumengeschmückt säumendie schmucken Presshäuser den Weg. Vor dem Kulturstadl ist das Modell des Bergesinneren ausgestellt. Frau Schweng berichtet von der Entwicklung des hiesigen Weinbaus seit 1150 und wird uns abends noch ausführlich die Besonderheit der Kelleranlagen erläutern. Zunächst durften nur der Adel und die Klöster Besitzer von Weinkellern sein, dieerst ab 1848 auch den Weinbauern selbst erlaubt waren.
So romantisch diese Kellergasse sich auch in der Morgensonne präsentiert, uns zieht es nach innen, hinten hinein in die Presshäuser, dort wo einst bei deren Bau der verblüffte Winzer die Erdställeanschnitt. Deren Beschreibungen und Pläne sind in unserem Erdstallheft Nr. 30 veröffentlicht. Auch wir, ihre Beschliefer selbst, müssen dort nachsehen, um diesen von jenem zu unterscheiden, denn nur ein fotographisches Gedächtnis wie das von Edith Bednarik ist fähig, alle Dampflöcher, Nischen, Gangbiegungen richtig zuzuordnen. Wenn dann noch die von Neusiedl, Wilhelmsdorf, Poysdorf, Folda dazukommen, am Sonntag die von Röschitz, wirbeln die markantesten Strecken unlokalisiebar aber unauslöschlich durch unsere Erdstallerträume.
Ja traumhaft sind diese Kammern, in denen man bäuchlings nach langem Robben durch gewundene Röhren auftaucht, nach dem eine Stimme "bleib mal so" gerufen hat und ein Blitz aufzuckt, als Peter "die Wand scharf macht". Dort an der Gangkreuzung mit endlos hohem Dampfloch rieselt der Sand zu einem Kegel, als wir grade mal wieder fürchterlich lachen müssen. Josef W. aber robbt vorbei, nichts als das Keller-oder vielleicht doch ein Erdstall-Problem im Sinn. Die Kammer, die der Franz L. breitbeinighockend "homm" singend ausfüllt, so dass die Höhlen vibrieren, die Schliefer in Trance fallen und mitsummen, ist im Röschitzer Weberkeller. Im Erdstall Kölbl schlupft die Schratzlmaus Eva (6 Jahre) sandüberpudert aus einem Schlitz, der sich in der Kellerwand öffnet und sagt: "Drei Glatthaar sind noch drin!" Ihr Großvater, Vater und Bruder. Der Arbeitskreis hat für die nächsten 50 Jahre keine Nachwuchssorgen!
Es lebe Röschitz und die unserem Forschungstrieb so freundlich geneigten Einwohner. Erdställe in der Winzergasse, neue und alte Hausnummern, die Tore zur Unterwelt mit rot-weißen Schleifen gekennzeichnet. Fahnen hängen aus den Fenstern, fliegen in der leichten Zugluft, die aus den sitzen im Sonntagsgewand am Gassenrand, manche, denen Gesichter aufgemalt sind, lächeln uns an. Wenn sie nicht winken, dann nur weil ihren Stroharmen die Kraft dazu fehlt. In Röschitz ist Weinfest! Als ein Trupp der Unsrigen mittenauf der Gasse entlangzieht, das Lied der Schlupfer und Schliefer singend: "Kriech 'mer noch in 'n Erdstall rein, holariaho es muss ja nicht der letzte sein, holariaho", gehen die Fenster auf, lebende Einwohner, auch sie im Festgewand, staunen uns an. Im Gasthaus hört Regine später davon sprechen: ".......dreckert woarns und Weiber woarn a dabei!"
Die Erdstallbesitzer hier wie um Großkrut herum wissen, wie verdreckt einer wieder rauskommt, der sich in ihre Höhlen wagt, vor denen manche ihrer Ehefrauen respektvoll Abstand halten. Sie laden uns zu einem guten Tropfen ein und stellen Fragen über unsere Eindrücke. So saß unser Kultforscher Toni H. in einem der gepflegten, blumengeschmückten Höfe in mitten Interessierter. Sie diskutierten über den Jenseitsglauben, die Schratzln und Pater Lambert Karner - alles was uns am Herzen liegt.
Spätestens in einem Jahr werden wir uns wieder darüber austauschen. Bis dahin grüßt Euch herzlich
Eure Schriftführerin Dorothee
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