Niemand der Organisatoren und der Verantwortlichen im Arbeitskreis
für Erdstallforschung hatte im Vorfeld davon gewusst: Samstag am späten
Vormittag wartete Harald Schaller, ehrenamtlicher Mitarbeiter des Landesamtes
für Denkmalpflege und bei den Ausgrabungen am neuentdeckten Erdstall Kühried
maßgeblich beteiligt, mit der in Fachkreisen lang erhofften Sensation auf.
Erstmals konnte durch Datierung einer im Bauschacht gefundenen Holzkohle das
Alter der Erdställe zweifelsfrei geklärt werden. Rund 1000 Jahre alt ist
somit das Schratzelloch im nördlichen Landkreis Schwandorf, das unter anderem
am Nachmittag bei den Exkursionen der internationalen Erdstalltagung, die
dieses Wochenende mit rund 100 Teilnehmern aus mehreren Ländern im Kloster
Strahlfeld abgehalten wurde, besichtigt wurde.
Es war atemberaubend still im Vortragsraum des Kloster Strahlfeld; den rund
100 Erdstallforschern, die am Samstag Vormittag mit großem Interesse dem
Fund- und Ausgrabungsbericht von Harald Schaller aus der Gemeinde Teunz und
Peter Forster aus München verfolgten, stand die Spannung ins Gesicht
geschrieben. Überraschend schnell, gerade noch rechtzeitig zur
internationalen Tagung in Roding hatte der Hobby-Archäologe Harald Schaller
die Ergebnisse der C-14-Datierungen von Holzkohle aus dem Erdstall Kühried
erhalten. Die Funde stammen aus dem Verfüllschacht, dem Erdstall und dem
Bauschacht. Demnach wurde der Erdstall in den Jahrzehnten vor der
Jahrtausendwende gebaut. Das gleiche Alter weist die Holzkohle aus einem Gang
des Erdstalles auf, rund 200 Jahre jünger (um 1200 n.C.) ist die Holzkohle
aus dem Verfüllschacht.
Diese höchst interessanten Erkenntisse, wie auch exakte Informationen über
die Zusammensetzung und Art der Verfüllung des vermutlichen Einstiegschachtes
zum Erdstall, verdanken die Forscher der genauen und wissenschaftlich
einwandfreien akribischen Vorgehensweise von Harald Schaller. Nach der
Entdeckung und Freilegung des Erdstalles im März diesen Jahres (wir
berichteten) war der stets hinter Trockenmauern verborgene Bauschacht des
Erdstalles ausgebraben, das Erdreich gesiebt worden, wobei man auf die
Holzkohle stieß. Ebenso verfuhr man mit dem Verfüllschacht, der, wie die
beiden Referenten berichteten, mit einer Steinkuppel abgedeckt war. In der
Verfüllmasse, die -wie schon aus anderen Erdställen bekannt - in Schichten
eingebracht worden war, fanden sich Keramikteile, Teile von Eisenwerkzeugen,
Holzkohlestückchen. Die Datierungen hier weisen ins Hochmitttelalter um 1200.
Noch weiter zu erforschen sein werden die genaueren Verfüllumstände; so
müssen hier starke Feuer entzüdet worden sein. Die extrem hohen Temperaturen
sind, wie Schaller ausführte an den Schachtmauern u.a. erkennbar.
Großen Dank richtete die Vorsitzende Arbeitskreises Erdstallforschung Regine
Glatthaar, die mit ihrem Team, allen voran Hannelore Schulz, eine höchst
interessante und gelungene Tagung organisiert hatte, noch während der
Vorträge, aber auch nachmittags vor Ort bei der Exkursion, an die
Verantwortlichen in Kühried. Von der Entdeckung über die Ausgrabung bis hin
zur Sicherung sei alles so vor sich gegangen, wie man es sich nur wünschen
könne. Die sensationallen Ergebnisse seien nun Lohn für diese Bemühungen. Der
Gemeinde Teunz gebühre Dank für die Kostenübernahme bei der Sicherung des
Erdstalls und für die C-14- Untersuchung der Holzkohle, versicherte Glatthaar
gegenüber Bürgermeister Josef Klier.
Beinahe werfen jedoch die ersten Forschungsergebnisse aus Kühried nun mehr
Fragen auf, als sie beantworten, waren sich die Erdstallforscher einig.
Gerade im Hinblick auf die neuen Informationen zur Zeitstellung höchst
interessant hatte man am Samstag morgen von Professor Dr. Dietrich Manske von
der Universität Regensburg bereits einen umfassenden Überblick über die
jüngeren Forschungen zur Siedlungsentwicklung in der Oberpfalz erhalten. Der
Spezialist in der Siedlungsgeographie gab eine fundierte Zusammenschau
archäologischer, historischer, sprachgeschichtlicher und kulturgeographischer
Ergebnisse. Demnach dürfte die Oberpfalz und ihre bevorzugten Siedungsräume,
die Cham-Further-Senke, wie auch anderen Flusstäler und niedrigeren Berglagen
des Oberpfälzer Waldes ein Begegnungsraum für Bajuwaren, Franken und Slaven,
die aus dem böhmischen Becken wie auch aus dem Lausitzbecken einwanderten,
gewesen sein.
Dr. Heinrich Kusch von der Universität Graz entführte die Tagungsteilnehmer
daraufhin in verschiedene Kulthöhlen in ganz Europa, wobei er per Dias nicht
nur eine Reise durch viele Länder unternahm, sondern auch eine Zeitreise vom
Paläolithikum bis zur Gegenwart. Alle Vorträge und Redebeiträge während des
dreitägigen Kongresses wurden übersetzt von Vorstandsmitglied Dorothée
Kleinmann aus Darmstadt, bzw. Chinon. In zwei große Gruppen aufgeteilt,
konnten sich am Nachmittag die Tagungsteilnehmer ein Bild von ausgewählten
Erdställen in der Oberpfälz machen. Im Bus fuhren etwa 50 Erdstallforscher,
darunter die Gäste aus Österreich, Frankreich, Belgien und der Schweiz
zunächst nach Kühried, Gemeinde Teunz, wo der Erdstall für diesen
Exkursionstag extra noch einmal geöffnet worden war. Anschließend wurde die
Rabmühle, Gemeinde Stamsried, besichtigt. Die andere Forschergruppe war in
PKWs unterwegs nach Waffenbrunn, wo die Sicherung und Präsentation des
Erdstalls besichtigt und das Engagement der Gemeinde ausdrücklich gewürdigt
wurde. Unter Führung von Heimatpfleger Theo Männer aus Neunburg v.W. wurden
anschließend die Erdställe Oberviechtach und ebenfalls Kühried besichtigt.
Nach dem langen Tag gingen die Diskussionen und Vorträge dennoch bis etwa um
Mitternacht engagiert weiter, Guy Francois aus der Normandie stellte seine
Forschergesellschaft, die Sub-Artesia, und deren Vorhaben vor. Luc Stevens,
Präsident der SFES, französische Schwestergesllschaft des Arbeitskreises für
Erdstallforschung, sprach ein kurzes Grußwort und lud bereits jetzt alle
Erdstallforscher zum nächsten SFES-Kongres Anfang September 2003 ins Vendée
im Westen Frankreichs ein. Josef Weichenberger, Vorstandsmitglied des
Arbeitskreises, aus Linz berichtete von Ausgrabungen von einem Erdstall in
seinem Forschungsgebiet Oberösterreich. Während die genauen Ergebnisse zur
Datierung nach ausstehen, könne man aber jetzt bereits sagen, dass auch hier
das Mittelalter als Zeit der Erbauung der Erdställe anzunehmen ist. Einen
Überblick über die Erdstallforschung in Niederösterreich seit über 100 Jahren
gab am Sonntag vormittag schließlich Vorstandsmitglied Edith Bednarik aus
Wien. Sie selbst dokumentierte und vermaß in den letzten zehn Jahren exakt
280 Erdställe in ihrem Gebiet. Viele von ihnen konnten gerade noch
rechtzeitig vor ihrer Zerstörung oder Verschließung vermessen und
aufgezeichnet werden.Bevor schließlich Michael Läntzsch aus Goslar kurz in
die frühere Welt des Aberglaubens entführte, referierte die Kontaktfrau
zwischen deutsch- und französischensprachigen Erdstallforschern, Dorothée
Kleinmann über die kultische Deutungshypothese von bayerisch-österreichischen
Erdställen und französischen Souterrains aus der Sicht des bereits
verstorbenen Erdstallforschers Maurice Broens. Dieses Referat nahm sie zum
Anlass einen dringenden Apell zur Ausweitung der gemeinsamen Forschungen und
des noch häufigeren Informationsaustausches an alle anwesenden Forscher zu
richten. Auch die Vorsitzende des Arbeitskreises Regine Glatthaar unterstrich
in einem Schlusswort, dass viele weitere Tagungen und Forschungen noch
notwendig sein werden. Immerhin könne man nach wie vor keine Beweise oder
auch klarere Hinweise auf den primären Erbauungszweck der Erdställe vorlegen,
auch wenn man dank Kühried nun der Zeitstellung erheblich nähergekommen ist.
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