Erdstallforscher aus Österreich, Frankreich und Deutschland
trafen sich vergangenes Wochenende, wie schon im letzten Jahr, in
Roding, um hier Schrazellöcher zu besuchen und die neuesten
Forschungsergebnisse zu diskutieren. Beschlossen wurde im nächsten
Jahr, 22 Jahre nach dem letzten großen Kongress mit Erdstallforschern
aus aller Welt in Roding, wieder zu einer internationalen Tagung an den
Regen einzuladen. Beginnen wird sie mit der Eröffnung einer
Ausstellung im Rodinger Rathaus in Zusammenhang der 50-Jahrfeier zur
Stadterhebung Roding.
Am Beginn der diesjährigen Erdstalltagung stand das Gedenken an den Begründer
des Arbeitskreises für Erdstallforschung Karl Schwarzfischer, der erst Anfang des
Monats verstorben war. Vorsitzende Regine Glatthaar würdigte vor rund 40
Erdstallforschern aus dem In- und Ausland, darunter auch der Vorsitzender der
französischen Schwestergesellschaft Luc Stevens sowie die Vertreter der
Österreichischen Forscher Edith Bednarik und Josef Weichenberger, die Verdienste
des Verstorbenen um die Erdstallforschung. "Ohne Karl Schwarfischer gäbe es keine
Erdstallforschung in Bayern", betonte sie wörtlich.
Gerade aber die beiden Hauptwerke des Begründers, langjährigen Vorsitzenden und
späteren Ehrenvorsitzenden Schwarzfischer, die sich mit dem Bau und dem Zweck
der künstlichen unterirdischen Höhlen beschäftigen, erfuhren bei der diesjährigen
dreitägigen Tagung, die erneut im Kloster Strahlfeld abgehalten wurde, eine
besondere Aktualität: Josef Weichenberger berichtete über seine neusten
Erkenntnisse zum Bau der Erdställe und Anton Haschner legte die Ergebnisse seiner
Arbeiten vor, wonach der Zweck der Erdställe in den Jenseitsvorstellungen der frühen
Christen zu suchen sei. Auch Schwarzfischer hatte sich bereits intensiv mit der
Bauweise der Schrazellöcher auseinandergesetzt und vermutet, dass es sich um
Leergräber für verstorbene Ahnen handeln könnte.
Am Freitagabend konnte Regine Glatthaar zunächst aber noch berichten, dass das Interesse
an den Erdställen weiterhin groß sei. Erneut seien Fernsehteams vor Ort gewesen;
eine Sendung wird am 11. Oktober, 19.30 Uhr im Bay. Fernseherausgestrahlt. Auch
zu Vorträgen seien sie und weitere Mitglieder der Vorstandschaft bayernweit
unterwegs gewesen. Der Verbindungsfrau und Übersetzerin des Arbeitskreises
Dorothe Kleinmann aus Darmstadt gratulierte Regine Glatthaar namens des
Arbeitskreises zum 75. Geburtstag, den diese heuer feiern konnte. Als Anerkennung
ihrer sehr zeitintensiven Tätigkeit für die Erdstallforschung wurde sie zum
Ehrenmitglied ernannt. Im Mittelpunkt des Freitagabend stand schließlich der Vortrag
von Thomas Striebel über "die Heidenhöhlen bei Zizenhausen und andere künstliche
Höhlen im Bodenseeraum". Mehrheitlich war man jedoch der Auffassung, dass es
sich hierbei nicht um Erställe im eigentlichen Sinnen handelt.
Am Samstag stand der Besuch dreier Erdställe im Landkreis Cham auf dem
Programm. Ein Bus brachte die rund 40 Erdstallforscher zunächst nach Waffenbrunn,
wo im Zuge der Dorferneuerung ein Erdstall mitten im Ort wieder zugänglich gemacht
wurde und auch gesichert werden soll. Als beispielhaft lobten die Tagungsteilnehmer
dieses Engagement und Interesse der Gemeinde an den wertvollen historischen
Bodendenkmalen. Vor Ort wurden die Tagungsteilnehmer von Bürgermeister Georg
Hiegl und dem Vorsitzender der Teilnehmergemeinschaft Willibald Aschenbrenner
begrüßt, bevor sie sich unter Tage begaben und sich selbst ein Bild von den beiden
erhaltenen schönen Schlupfen machen konnten.
Nachdem der neue Prasident der französichen Souterrainforschung Luc Stevens aus
Belgien noch die Gelegenheit bekommen hatte den Erdstall Rabmühle in der
Gemeinde Stamsried zu besichtigen, ging es nachmittags zu den Erdställen
Trebersdorf und Loitzendorf. Der erste der Erdställe ist nicht nur wegen seiner recht
engen Vertikal- und Horizontalschlupfe als sehr erhaltenswert einzustufen sondern
auch, weil er als einer der wenigen in seiner ursprünglichen Ausdenhnung sogar mit
dem ursprünglichen Einstieg erhalten ist. Zudem stammt aus dem - wohl rituell
verfüllten Einstiegsschacht - eine der wenigen datierbaren Funde aus Erdstallen, die
beweist, dass der Erdstall in Trebersdorf seit 960 nach Christus nicht mehr benutzt
wurde.
Zwei Erdstallfragmente warteten in Loitzendorf in unmittelbarer Nähe der Kirche auf
die Höhlenforscher. Einer von beiden ist seit 1976 bekannt, er wurde bei Bauarbeiten
entdeckt. Vom Vorhandensein des zweiten aber im Bereich des erweiterten
Friedhofes erfuhr man erst vor fünf Jahren, als der Totengräber beim Vorbereiten
einer Grabstelle einbrach und sich unter ihm die Erde auftat. Das Fragment, gleich
von Mitgliedern des Arbeitskreisen vermessen, enthielt noch zwei schöne
Gangabschnitte mit Schlupfen. Einer von beiden ist heute verschüttet. Auch wurde
das Grab über dem Erdstall verschlossen. Für die Exkursionsteilnehmer öffnete die
Gemeinde noch einmal den Erdstall. So mancher Kirchen- und Friedhofbesucher mag
sich dann gewundert haben, als so viele Frauen und Männer der Reihe nach in
schmutzigen Overalls in ein offenes Grab einstiegen und dem wenig später wieder
entstiegen. Da sich rund um den Erdstall frische Gräber befinden und ohnehin nur
mehr ein Gangfragment erhalten ist, wird diese einst wohl schöne und ausgedehnte
Anlage jetzt aufgegeben und verschlossen werden.
Abends zurück in Strahlfeld referierte Josef Weichenberger über Schwierigkeiten und
Möglichkeiten beim Bau eines Erdstalles. Besonders ausführlich ging er dabei auf die
Bauschächte ein, von deren Vorhandensein die Trockenmauern in den Erdställen
zeugen. Weichenberger regte an, das Verfüllmaterial hinter den Trockenmauern
genau archäologisch zu untersuchen. Fänden sich hier datierbare Scherben oder
Holzkohle, könnte man Aussagen darüber machen, wann die Erdställe erbaut
wurden, was nach wie vor unbewiesen ist.
Mit Spannung erwarteten die Erdstallforscher den Vortrag von Anton Haschner am
Sonntag vormittag, der in Aussicht gestellt hatte, das Rätsel der Erdställe zu lösen.
Vorbereitend stellte Herbert Wimmer seine Überzeugung zur Definition der Erdställe
und deren Einteilung in fünf regional unterscheidbare Bautypen vor. Demnach spielt
allein die Region, nicht aber die Geologie eine Rolle. Haschner stieß bei seinen
Forschungen auf Beschreibungen von Seelenkammern. Unter dem Einfluss von
griechisch-römischen Vorstellungen herrschte im frühen Christentum die Meinung vor,
dass die Seelen an speziellen Orten auf den jüngsten Tag und das jüngste Gericht
warten, um sich dann wieder mit den Körpern in den Gräber zu vereinen. Würde man
die Jenseitsvorstellungen der Bevölkerungsgruppen im Laufe der Geschichte
untersuchen, könnte man wohl die unterschiedlichen Erdstalltypen erklären und auch
Aufschluss über deren Alter erhalten. Für die Erdstallforscher aller Länder also bleibt
es weiterhin spannend, dem Rätsel der Erdställe auf die Spur zu kommen.
|