Dunkle Weite und hautnahe Enge. Ein Kontrastprogramm hielt rund 40
Erdstallforscher aus Deutschland und Österreich am Samstag unter Tage. Vom
ausgedehnten Felsenkellerlabyrinth in Schwandorf ging es nachmittags in
Erdställe um Roding, vor deren engen Schlupfen einige Freunde der Unterwelt
kapitulieren mussten. Eingerahmt waren die Exkursionen von drei
Fachvorträgen, die sich schwerpunktmäßig mit der Typisierung von Erdställen
befassten.
Die Rätsel der Erdställe haben jetzt Typenbezeichnungen. In Roding, der
Heimat des Arbeitskreises für Erdstallforschung, stellten Edith Bednarik,
Wiener-Neustadt, Herbert Wimmer, München, und Anton Haschner, Dachau, bei
der dreitägigen Jahrestagung der österreichischen und deutschen
Erdstallforscher Ergebnisse ihrer Arbeit vor. Gerade der Vortrag Bednariks,
auch als Erdstallpäpstin in den Fußstapfen des Erdstallpioniers Lambert
Karner bezeichnet, führte zur intensiven Erörterung der Erdstallproblematik.
Von allen Seiten wurde die Notwendigkeit betont, zu einer eindeutigen
Definition von Erdställen zu kommen, um sich von da aus den beiden großen
Rätseln um die Erdställe - wann und warum wurden sie erbaut - annähern zu
können.
Bednarik, die seit Jahrzehnten Erdställe hauptsächlich in Niederösterreich
befährt, diese vermisst und dokumentiert, kann nun regionale
Typenunterschiede der dortigen Erdställe nachweisen. Mithilfe von
Lichtbildern und Grundrissplänen zeigte sie die Unterschiede in der
Erdstallbauweise, von künstlichen Höhlen mit Rundgängen, Schlupfen zu
Erdställen, zu deren charakteristischen Elementen lange Kriechgänge
unterbrochen von Kammern gehören.
Herbert Wimmer ergänzte diese Typisierung um den bayerischen Raum, in dem er
hauptsächlich zwischen Erdställen mit langem Hauptgang, Schlupfen und
mehreren Nebengängen sowie weniger ausgedehnten Höhlen mit Vertikalschlupfen
und Arbeitsschächten aus der Zeit der Erbauung unterschied.
Ausgehend von den verschiedenen Typen, die noch exakter definiert werden
sollten, so die überwiegende Meinung aus dem Plenum, könnte nun untersucht
werden, ob die unterschiedliche Bauweise auf Unterschiede in Alter oder
Zweck der Erdställe hinweisen könnte. Zur Frage der Deutung nahm Anton
Haschner in seinem Vortrag Stellung. Er brachte über Ähnlichkeiten in
Grundrissen und Parallelen in der Idee Erdställe in Zusammenhang mit
Katakomben oder Krypten. Er kündigte an, sich von diesem Ausgangspunkt aus
Gedanken über einen möglicherweise ausgeübten Kult in den Erdställen zu
machen.
Mancherorts müsste genauestens darauf geachtet werden, dass keine
(Lager-)Keller als Erdställe ausgegeben werden, unterstrich der
oberösterreichische Erdstallforscher Josef Weichenberger. Im kommenden
Frühjahr will deshalb eine "Expertengruppe" gemeinsam ins Weinviertel
reisen, wo eventuelle strittige Objekte befahren und anschließend vor Ort
begutachtet werden können.
Nicht immer schließlich müssen die Unterschiede zwischen Kellersystem und
Erdstall - ohne erkennbaren rationellen Zweck - so offenkundig sein, wie im
Vergleich der Schwandorfer Felsenkeller und der Erdställe bei Roding. Zwei
Stunden wanderten die Erdstallforscher, geführt vom Felsenkellerbeauftragten
der Stadt Schwandorf, Archäologe und selbst Höhlenforscher, Hans-Werner
Robold, durch das sogenannte Felsenkellerlabyrinth. Die Ausdehnung der
Kelleranlage beeindruckte die weitaus kleinere Dimensionen gewohnten
Erdstallforscher ebenso wie die Anstrengungen der Stadt Schwandorf, ihre
Felsenkeller zu dokumentieren, auszuräumen, zu sichern und der
Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Zwei Alternativprogramme warteten dann am Nachmittag auf die Freunde
künstlicher Höhlen: Neulinge und weniger Geübte wurden durch den
"Vorzeige-Erdstall" Rabmühle, Gemeinde Stamsried, sowie einen Erdstall in
Wulfing mit schon deutlich engeren Schlupfen geführt. Für die anderen waren
die Erdställe in Eidengrub und Hochbrunn geöffnet und ausgepumpt worden.
Waren es beim ersteren Schratzelloch die wespentaillen-engen Schlupfe, die
kräftigere Erdstallfreunde an der kompletten Befahrung hinderten,
kapitulierten die meisten in Hochbrunn vor einem knietief schlammigen
Gangstück in das man nur durch eine kreisrunde Öffnung mit nach oben
ausgestreckten Armen hineinschmieren konnte. Erdställe - so recht nach dem
Geschmack der Erdstallforscher. Die Gänge im Imhofpark wurden dagegen
eindeutig als natürliche Höhlengänge, nicht als von Menschenhand erbaute
Erdställe bewertet.
Da in und um Roding noch mehrere Interessante Erdstallobjekte besichtigt
werden können, wird auch die nächstjährige Erdstalltagung in Roding, im
Kloster Strahlfeld stattfinden. Die Vorsitzende des Arbeitskreises Regine
Glatthaar hatte in einem kurzen Jahresrückblick insbesondere an den 85.
Geburtstag des Rodinger Arbeitskreis-Gründers Karl Schwarzfischer erinnert,
der aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr an der Tagung teilnehmen konnte.
Festgelegt wurde, dass Forschungsergebnisse von Mitgliedern des
Arbeitskreises erst nach Veröffentlichung im vereinseigenen Jahresheft "Der
Erdstall" aus urheberrechtlichen Gründen an Dritte weitergebenen werden.
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